Warum fühlt sich ein Verhalten für einen Moment entlastend an, obwohl es auf Dauer Beziehungen, Gesundheit oder Alltag belastet? Gabor Maté richtet den Blick auf den inneren Schmerz, den eine Sucht kurzfristig dämpft. Seine Perspektive hat vielen Menschen geholfen, süchtiges Verhalten mit mehr Mitgefühl zu verstehen. Die Forschung bestätigt den Zusammenhang zwischen frühen Belastungen und erhöhtem Suchtrisiko, beschreibt die Entstehung einer Sucht aber als Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
Gabor Maté versteht Sucht als wiederholten Versuch, einen schwer auszuhaltenden inneren Zustand zu verändern. Bei dieser Deutung zählt zuerst, was das Verhalten einem Menschen kurzfristig gibt: Entlastung, Ruhe, Verbindung, Kontrolle oder Abstand vom eigenen Erleben.1
Wer Gabor Maté ist
Gabor Maté ist ein pensionierter kanadischer Arzt und Autor. Nach zwei Jahrzehnten in der hausärztlichen und palliativen Versorgung arbeitete er über zehn Jahre im Stadtteil Downtown Eastside von Vancouver mit Menschen, die von schwerer Abhängigkeit, psychischen Erkrankungen und HIV betroffen waren.2
Sein bekanntestes Buch über Sucht erschien 2008 unter dem Titel In the Realm of Hungry Ghosts: Close Encounters with Addiction. Maté verbindet darin Erfahrungen aus seiner ärztlichen Arbeit, Fallgeschichten und Forschung. Er beschreibt ein Spektrum, das von substanzbezogenen Abhängigkeiten bis zu zwanghaftem Arbeiten, Kaufen oder Essen reicht. Im Mittelpunkt steht für ihn die Funktion des Verhaltens: Welche Erleichterung sucht ein Mensch, und welcher Schmerz wird für eine Weile leiser?3
Maté schaut zuerst auf die Erleichterung, die ein süchtiges Verhalten verspricht.
Wer nur fragt, warum jemand trotz erkennbarer Folgen weitermacht, sieht vor allem den Widerspruch. Die Frage nach der kurzfristigen Wirkung zeigt, weshalb das Verhalten für diesen Menschen in genau diesem Moment so anziehend ist.
Was Maté unter Sucht versteht
Maté beschreibt einen Prozess, bei dem ein Verhalten oder eine Substanz kurzfristig etwas Gewünschtes auslöst, der Drang danach wiederkehrt und schädliche Folgen das Muster trotzdem nicht beenden. Das kann Alkohol, Nikotin, Opioide oder andere Substanzen betreffen. Er überträgt dieselbe Logik auch auf Glücksspiel, Arbeit, Kaufen, Essen, Sexualität und digitale Medien.4
Die medizinische Klassifikation ist enger. Die ICD-11* unterscheidet Störungen durch den Gebrauch bestimmter Substanzen von Störungen durch abhängiges Verhalten. Als eigenständige Verhaltenssüchte führt sie derzeit die Glücksspielstörung und die Computerspielstörung. Begriffe wie Arbeitssucht oder Kaufsucht können ein belastendes Muster beschreiben, sind dort aber keine gleichartigen eigenständigen Diagnosen.5
Diese Unterscheidung ist für das Lesen von Maté wichtig. Sein weiter Suchtbegriff macht Gemeinsamkeiten im Erleben sichtbar. Eine fachliche Diagnose folgt definierten Kriterien, berücksichtigt die konkrete Substanz oder das konkrete Verhalten und prüft, wie stark Kontrolle, Gesundheit und Alltag beeinträchtigt sind.
Matés Modell fragt nach Funktion, Schmerz und kurzfristiger Entlastung. Eine klinische Diagnose prüft festgelegte Merkmale, Verlauf, Folgen und Behandlungsbedarf. Beide Ebenen können sich ergänzen, erfüllen aber unterschiedliche Aufgaben.
Warum er zuerst nach dem Schmerz fragt
Matés bekanntester Leitgedanke richtet die Aufmerksamkeit auf den Schmerz hinter der Sucht. Er beschreibt süchtiges Verhalten als Versuch, emotionale Not, überwältigenden Stress, Einsamkeit, innere Leere oder ein Gefühl von Kontrollverlust zu regulieren.6
Frühe Beziehungen spielen in seinem Modell eine zentrale Rolle. Wenn ein Kind mit Angst, Verlust, Vernachlässigung, Gewalt oder dauerhaft fehlender emotionaler Sicherheit leben muss, können Stressregulation, Bindung und Selbstwahrnehmung geprägt werden. Maté geht sehr weit und bezeichnet Kindheitstrauma als allgemeine Grundlage von Sucht.7
Wie kurzfristige Entlastung ein süchtiges Muster festigen kann
Belastung
Schmerz, Stress, Einsamkeit oder innere Leere werden spürbar.
Drang
Der Körper erinnert sich an eine schnelle Möglichkeit zur Regulation.
Verhalten
Eine Substanz oder ein wiederkehrendes Verhalten verändert den Zustand.
Entlastung
Ruhe, Nähe, Energie, Abstand oder Kontrolle entstehen für kurze Zeit.
Danach: Folgen wie Scham, Konflikte, Entzug oder gesundheitliche Belastung können neuen Stress auslösen. Dadurch beginnt der Ablauf leichter von vorn.
Was die Traumaforschung bestätigt
Frühe belastende Erfahrungen sind mit einem erhöhten Risiko für späteren Substanzgebrauch verbunden. Eine große Meta-Analyse führte 102 Studien mit insgesamt 901.864 Menschen zusammen. Belastende Kindheitserfahrungen waren unter anderem mit problematischem Alkoholkonsum, starkem Alkoholkonsum, Rauchen, Cannabiskonsum und dem Gebrauch illegaler Drogen statistisch verbunden.8
Wie häufig einzelne Formen von Vernachlässigung oder Misshandlung bei Menschen mit einer Substanzgebrauchsstörung* vorkommen, untersuchte eine weitere Meta-Analyse. Je nach Art der Kindheitsbelastung lagen die zusammengefassten Anteile zwischen 31 und 38 Prozent. Die Studien unterschieden sich deutlich in Ländern, Stichproben und Messmethoden.9
Bei Opioidabhängigkeit zeigt sich derselbe Zusammenhang besonders deutlich. Eine Auswertung von 62 Studien mit 21.871 Menschen fand hohe Raten körperlicher und emotionaler Misshandlung sowie Vernachlässigung. Die Autorinnen und Autoren leiten daraus die Bedeutung einer traumainformierten Versorgung* ab.10
Kindheitsbelastungen und Trauma erhöhen in vielen Studien das Risiko für späteren problematischen Substanzgebrauch.
Scham, Stressreaktionen und frühere Beziehungserfahrungen gehören in die persönliche Vorgeschichte und Behandlungsplanung.
Trauma ist ein bedeutsamer Risikofaktor. Die Ursachen und Verläufe einer Sucht unterscheiden sich von Mensch zu Mensch.
Wie Gene, Umwelt und Trauma das Suchtrisiko gemeinsam beeinflussen
Maté widerspricht genetischen Erklärungen von Sucht sehr deutlich. Der heutige Forschungsstand misst genetischen Einflüssen dagegen ein relevantes Gewicht bei. Übersichtsarbeiten schätzen die Heritabilität* von Substanzgebrauchsstörungen im Durchschnitt auf ungefähr 50 Prozent. Diese Zahl beschreibt Unterschiede innerhalb untersuchter Bevölkerungsgruppen. Sie sagt für keinen einzelnen Menschen voraus, ob eine Sucht entstehen wird.11
Die genetische Forschung findet viele Varianten mit jeweils kleinen Effekten. Hinzu kommen Wechselwirkungen mit Entwicklung und Umwelt. Auch Substanzeigenschaften, Verfügbarkeit, wiederholtes Lernen, psychische Begleiterkrankungen, soziale Ausgrenzung, Armut und aktuelle Belastungen können Risiko und Verlauf beeinflussen.1213
Welche Faktoren Risiko und Verlauf einer Sucht beeinflussen
Risiko und Verlauf einer Sucht
Frühe Sicherheit, Bindung und Stressregulation
Viele kleine Einflüsse und ihre Wechselwirkung mit der Umwelt
Wirkung, Geschwindigkeit, Dosis und Entzug
Auslöser, Erwartung und wiederholte kurzfristige Entlastung
Zum Beispiel posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Depression, Angst oder ADHS
Zugehörigkeit, Armut, Diskriminierung, Umfeld und Verfügbarkeit
Die Gewichtung verändert sich je nach Mensch, Lebensphase, Substanz und sozialem Umfeld. Deshalb beginnt eine gute Einordnung mit der konkreten Geschichte und der aktuellen Situation.
Was sich im Umgang mit Sucht verändert
Matés Perspektive lenkt den Blick auf die Aufgabe, die ein süchtiges Muster übernommen hat. Wenn wir die gesuchte Wirkung kennen, können wir Auslöser, Drang, kurzfristige Entlastung und Folgen in einem konkreten Ablauf untersuchen.
Was geschieht kurz vor dem Drang, im Körper, in den Gedanken und im Kontakt mit anderen?
Welche Veränderung wird gesucht: Ruhe, Energie, Nähe, Betäubung, Kontrolle oder Abstand?
Wie lange hält die Entlastung an, und welche körperlichen, emotionalen oder sozialen Folgen treten auf?
Welche konkrete Unterstützung reduziert das Risiko und hilft, den Ablauf früher zu unterbrechen?
Anhand der Antworten kannst du den Auslöser früher erkennen, eine sichere Alternative vorbereiten und gemeinsam mit qualifizierten Fachpersonen den nächsten Schritt planen.
Trauma und Sucht gehören gemeinsam in den Behandlungsplan
Wenn eine PTBS und eine Substanzgebrauchsstörung zusammen auftreten, empfiehlt die offizielle deutsche Behandlungsleitlinie der höchsten methodischen Entwicklungsstufe (S3) von 2026, beide Störungsbilder im Gesamtbehandlungsplan zu berücksichtigen. Die ausgewerteten Studien zeigen, dass eine PTBS-Behandlung allein die Ergebnisse beim Substanzkonsum nicht verlässlich verbessert. Spezifische Suchtbehandlung bleibt deshalb ein eigener Bestandteil.14
Die Leitlinie hält zugleich fest, dass Substanzkonsum eine traumafokussierte Behandlung nicht grundsätzlich ausschließt. Entscheidend sind die aktuelle Sicherheit, die Verhaltenskontrolle und eine Behandlung, die beide Bereiche fachlich koordiniert. Bei riskantem Konsum, Entzug, Kontrollverlust oder gesundheitlichen Folgen beginnt der nächste Schritt in einer Suchtberatungsstelle, Suchtmedizin oder Psychotherapie.
Unterstützung in deiner Nähe finden
Das Suchthilfeverzeichnis der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen führt Beratungsstellen, ambulante und stationäre Angebote in Deutschland auf. Du kannst nach Postleitzahl, Ort und Art der Unterstützung suchen.15
Was ich aus Matés Perspektive mitnehme
An Matés Arbeit ist mir eine Frage besonders nah: Was versucht ein Mensch mit diesem Verhalten für sich zu lösen? Wenn wir diese Funktion benennen können, schauen wir gemeinsam auf den konkreten Ablauf und erkennen genauer, wann der Drang beginnt und welche Entlastung gesucht wird.
Frühe Erfahrungen können tief prägen. Gene, körperliche Voraussetzungen, die konkrete Substanz, aktuelle Beziehungen und soziale Bedingungen wirken ebenfalls mit.
Im gemeinsamen Gespräch würde ich deshalb bei der konkreten Situation beginnen: Was passiert vorher? Was verändert sich für einen Moment? Was folgt danach? Und welche fachliche Unterstützung braucht es, damit der nächste Schritt wirklich trägt?
Quellenbasis
Für diesen Beitrag wurden Matés eigene Veröffentlichungen mit systematischen Übersichtsarbeiten, Meta-Analysen, der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation und der deutschen S3-Leitlinie zur posttraumatischen Belastungsstörung verglichen. Stand: 23. Juli 2026.
- Maté, G. Addiction. Offizielle Themenseite. drgabormate.com
- Maté, G. Biography und Media Kit. Biografie und Media Kit, Dezember 2025.
- Maté, G. In the Realm of Hungry Ghosts: Close Encounters with Addiction. Offizielle Buchbeschreibung. Buchseite
- Maté, G. (2017). Opioids and Universal Experience of Addiction. Originalbeitrag
- World Health Organization. ICD-11: Disorders due to substance use and disorders due to addictive behaviours. WHO-Terminologie und Klassifikation
- Maté, G. (2005). Embraced By The Needle. Originalbeitrag
- Maté, G. (2017). Dr. Gabor Maté’s Critique of the Surgeon General’s Report Facing Addiction in America. Originalbeitrag
- Zhu, J. et al. (2025; online 2023). Associations between adverse childhood experiences and substance use: A meta-analysis. Child Abuse & Neglect, 168(Pt 1), 106431. DOI: 10.1016/j.chiabu.2023.106431
- Zhang, S. et al. (2020). Prevalence of childhood trauma measured by the short form of the Childhood Trauma Questionnaire in people with substance use disorder: A meta-analysis. Psychiatry Research, 294, 113524. DOI: 10.1016/j.psychres.2020.113524
- Santo, T. Jr. et al. (2021). Prevalence of childhood maltreatment among people with opioid use disorder: A systematic review and meta-analysis. Drug and Alcohol Dependence, 219, 108459. DOI: 10.1016/j.drugalcdep.2020.108459
- Deak, J. D. & Johnson, E. C. (2021). Genetics of substance use disorders: a review. Psychological Medicine. DOI: 10.1017/S0033291721000969
- Prom-Wormley, E. C. et al. (2017). The genetic epidemiology of substance use disorder: A review. Drug and Alcohol Dependence, 180, 241-259. DOI: 10.1016/j.drugalcdep.2017.06.040
- Miller, A. P. et al. (2024). Generalized genetic liability to substance use disorders. Journal of Clinical Investigation, 134. DOI: 10.1172/JCI172881
- Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie (2026). S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung, Version 7.0, Kapitel 3.6. Leitlinie als PDF
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen. Suchthilfeverzeichnis. Beratungsangebote suchen
Erklärung der Fachtermini
Die folgenden Begriffe sind im Text mit einem * markiert.
- ICD-11
- Die elfte Ausgabe der Internationalen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation. Sie beschreibt diagnostische Kategorien und Kriterien, die international für Statistik und Gesundheitsversorgung genutzt werden.
- Substanzgebrauchsstörung
- Ein fachlicher Sammelbegriff für gesundheitlich schädlichen Gebrauch oder Abhängigkeit im Zusammenhang mit Alkohol, Medikamenten oder anderen psychoaktiven Substanzen. Art und Schweregrad werden diagnostisch geprüft.
- Traumainformierte Versorgung
- Eine Haltung und Arbeitsweise, die mögliche Traumaerfahrungen, Sicherheit, Wahlmöglichkeiten, Zusammenarbeit und das Risiko erneuter Überwältigung systematisch berücksichtigt.
- Heritabilität
- Eine statistische Schätzung dafür, welcher Anteil der Unterschiede eines Merkmals innerhalb einer untersuchten Bevölkerung mit genetischen Unterschieden zusammenhängt. Der Wert beschreibt keine persönliche Vorhersage und bleibt von Umweltbedingungen abhängig.
Suchtmuster genauer verstehen
Halte einen konkreten Ablauf fest: Was geschieht vor dem Drang, welche Veränderung suchst du und welche Unterstützung brauchst du für deinen nächsten Schritt?
- Auslöser und erste Körpersignale festhalten
- Die gesuchte kurzfristige Wirkung genauer erkennen
- Unterstützung und nächsten Schritt konkret vorbereiten